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Einführung in die Kunst von Erwin Johannes Bowien
Schon die Kindheit des Künstlers stand im Zeichen äußerlicher
Widersprüchlichkeiten. Er, der Sohn ostpreußischer Eltern und
lebenstüchtiger Fabrikanten und Kaufleute, wuchs, nach einigen Jahren
in Berlin, in der weichen Landschaft der fanzösischsprachigen Kantone
auf und wurde früh zum Europäer. Man hatte Mühe, einen
Menschen als Deutschen anzusprechen, der wohl, wenn er deutsch sprach,
es mit der Zungenfertigkeit eines Berliners tat, den man aber, wenn er
sich des Niederländischen befleißigte, für einen Amsterdamer
halten konnte und den man gar für einen Eidgenossen hielt, wenn er
das schöne reine Französisch von Neuchâtel sprach.
Sehr früh erwachte der Wunsch in ihm Maler
zu werden. Der Vater, ein vielgereister Architekt und Bauingenieur, der
in Zürich ein ostasiatisches Kunsthaus eröffnet hatte, liebte
die Gesellschaft, war ein Poet und schlug die Laute. In den Erzählungen
des Malers ist vieles von den oft exotischen Besuchen aus Indien, China
und Japan eingefangen. Man meint, das Elternhaus in halber Höhe über
dem Neuenburger See vor Augen zu sehen und den Wind zu hören, in
dem japanische Drachen aufsteigen. Die Mutter versuchte sich in der Malerei.
Es haben sich ein paar duftig hingetupfte Landschaften erhalten, die vom
Glück jener Jahre überhaucht sind.
Der junge Erwin Bowien aber griff zum großen
Vorbild. Das Werk von Hans Thoma, dem der junge Künstler später
in Karlsruhe begegnete, wird in seinen ersten Zeichnungen spürbar,
nicht minder Ferdinand Hodler, der große Maler und Zeichner des
Alpenlandes. Derart angeregte Bilder füllten seine erste Ausstellung
im Jahre 1917. Sie gefiel den schweizer Kritikern so gut, dass sie dem
jungen Mann herzliche Ermunterung mitgaben. Besondere Beachtung fand das
kühne, im vollen jugendlichen Übermut geschaffene Bildnis des
Vaters Erich Bowien, eine Gitarre haltend. Krieg und Soldatenzeit beendeten
diese Idylle jäh. Nach den Wirren des Ersten Weltkrieges, den er
als Dolmetscher an der Front erleben musste, zog es ihn in den europäischen
Schmelztiegel. Während die Familie mit den beiden Schwestern Erika
und Ursula in Weil am Rhein nahe der Schweizer Grenze auf die Rückkehr
in das verlorene Paradies wartete, zog der junge Maler in die Münchener
Kunstakademie ein, um bei Professor Robert Engels die dekorative Wandmalerei
zu erlernen. Eine Laune des Schicksals! Robert Engels, der Begründer
des Münchener Neo-Impressionismus, stammte aus Solingen, der später
entscheidenden Stadt im Leben Erwin Bowiens. Gemeinsam mit seinem Lehrer
wurde er auch 1975, also nach seinem Tode, im Solinger Klingenmuseum,
dem Ort des heutigen Museum Baden, ausgestellt. Dieses besitzt den künstlerischen
Nachlass von Robert Engels. Erwin Bowien lernte von ihm die zuchtvolle
Anlage eines Ölbildes, den lastenden Farbaufbau und die Komposition
von standbildhaften Menschengruppierungen, die er als Fanatiker des Atmosphärischen
und gallischer Clarté zugleich überwand.
Bei Richard Müller in Dresden wollte er
weiterstudieren, erfuhr aber nach sechs Monaten das zynischste Lob seines
Lebens "Herr Bowien, Sie sind fertig, ich kann Ihnen nichts mehr
beibringen
" Soweit so gut, aber der Lehrer fuhr fort: "Haben
Sie Geld, dann fangen Sie an". - Dies mitten in der Inflationszeit!
Erwin Bowien legte indes in Berlin das Kunstlehrerexamen ab, absolvierte
ein Probejahr in Hechingen / Hohenzollern.
Wir sind mitten in seiner ersten großen Schaffensperiode! Diese
verbindet sich mit der Bodenseelandschaft, wo der junge Maler mit der
Försterfamilie Enzenroß befreundet war, die heute auch das
meiste aus jenen Jahren hütet: Schwebende Töne aus Kobaltblau.
Dahinein ein Schleier aus unbestimmbarem Rot. Die blütenschwere Landschaft
regt zu einer unbestimmbaren Romantik an. Alles in jener Zeit hat einen
leicht melancholischen Charme. Der impressionistische Zugriff übt
sich in brillanter Artistik. Doch bald wird immer mehr weggelassen. Die
spätere Bildökonomie kündigt sich an. Die sensible Einführungskraft
bringt die ersten vertieften Portraits hervor. Selbst jähe Begegnungen
mit dem Tod, er porträtiert einen jungen Toten, mindert nicht den
Rausch der Schönheit. Nichts ist in jener Zeit trocken, nichts bleibt
bei reiner Fingerübung. Immer ist Spontanität parat und - hier
wieder die Einheit des Widersprüchlichen - ist in Zucht genommen
durch romanisches Formbewusstsein und gedankliche Kontrolle zum Meisterwerk
gereift. Im Leben Bowiens sollte spürbar werden, wie schwer er an
dem Bewusstsein seiner so frühen Vollendung getragen hat. Das erklärt
manche Düsternis späteren Schaffens, den mitunter an die Grenze
des Zerstörerischen gehenden wütenden Zugriff, die expressiv
gewordene Öltechnik des Alters, ohne dass ihm je die Naturbesessenheit
dieser Jahre verlorengegangen wäre.
1925 wird Erwin Bowien nach Solingen an das Gymnasium Schwertstraße
zum Zeichenlehrer berufen. Damit begann die Freundschaft mit dem Journalisten
Hanns Heinen und seiner Familie. Dessen Bergisches Schieferhaus sollte
durch Frau Erna Heinen zum Hort der Kultur werden. Ihre Sensibilität,
die strahlende Bildungsbreite, ihre Leidenschaft hinzuhören und hinzuschauen,
gehörtes in Leben zu verwandeln bewirkte eine nie abgebrochene innige
Freundschaft und ließ das Haus Heinen in Solingen zur eigentlichen
Mitte im Malerleben von Erwin Bowien werden. Lebenserfüllendes Bewusstsein
des Rastlosen, des Mannes, der erst in seinen letzten Lebensjahren heiratete,
irgendwo zu Hause zu sein, es wurde bestärkt durch eine Aufgabe,
die zu einer Art Testament auswuchs: Er wurde Lehrer von Bettina, des
jüngsten von vier Heinen-Kindern. Hätte Erwin Bowien nicht durch
sein großes Werk einen bleibenden Namen in der Kunstgeschichte verdient,
so würde ihm dieser Platz als Lehrer und langjähriger Mentor
von Bettina Heinen-Ayech gebühren! In den Solinger Jahren wird erstmals
die Systematik seiner Kunst nachweisbar: dem Bedürfnis zum Zyklischen.
So studierte er, erfüllt von Menzel, die Arbeitsvorgänge in
einem Solinger Stahlwerk, dabei verlor sich Bowien nicht an das Impressionistische,
das schwarze Gewölk, das die Hämmer aus dem Eisen stieben. Ihn
fesselte der Stahl, das Lärmende, das Motorische. So haben diese
Bilder den Klang des Analytischen. Gleichgültig waren Bowien dabei
die Arbeiterdenkmale seiner Zeit - und erst recht die Sentimentalität
des Bergischen. Künstler in Solingen zu sein ist indes gleichbedeutend
mit dem Zwang, aus Solingen zu fliehen - wenigstens zeitweise. Bowiens
Ferienfluchten führten nach Wien, Prag und Böhmen, Venedig und
Oberitalien. Eine Apotheose von Bildern in wenigen Wochen! In der Wirtschaftskrise
der dreißiger Jahre konnte man Bowien nicht mehr brauchen. Eine
Notverordnung brachte ihn ums Brot, die politische Entwicklung ins Exil
nach Holland. Die äußere Armut der Hollandjahre ist uns heute
nahezu unvorstellbar. Es sind Jahre des Hungers und der Kälte im
kleinen Hause in Egmond an den Hof bei Alkmaar, einst Wohnstätte
von Descartes. Gleichwohl wird niemals Klage in seinen Schriften dieser
Zeit laut. Neben das malerische Werk sind die Publikationen getreten.
Diese bleiben jedoch stets Bespiegelung des Malers.
Die nicht selten lebensbedrohende Armut, der
Hunger, die Gefahr, in dem wüsten Schneetreiben zu erfrieren, beugten
ihn nie zur Resignation. Er, ein lachender Überwinder, zog mit klapprigem
Fahrrad aus, als ginge es auf Expedition. Er besuchte die Landleute, streckte
die Beine unter Pfarrhaustischen aus, pilgerte zu Käsemärkten,
genoss das Ursprüngliche, zog hin und wieder einen Kometenschweif
in die Gesellschaft: Der holländische Flottenchef liess sich von
ihm porträtieren. Von einem reichen Holzhändler wurde er als
Reisemaler zu einer Afrikareise verpflichtet. Im Auftrage der Gemeinde
Egmond fertigte er für das Königshaus Graphitzeichnungen aller
Kinder, die in der Gemeinde im selben Jahr geboren waren, wie die Kronprinzessin
Beatrix. An der Küste Nordhollands entstanden Impressionen der Nordsee,
in den flachen Weiten der Niederlande wurde er zum Bauern, der seine Furchen
über Bildäcker zog; Furchen als Ausdruck der Ordnung, der Kraft,
der Hervorbringung von Frucht. Das erklärt, warum die Pastelle jener
Jahre die gewichtsvollen Bilder seines Lebens sind - und die elegantesten
zugleich - Einheit aus dem Widersprüchlichen, hier enträtselt
sie sich auf das Genialste. In die Hollandjahre fallen auch sein Treffen
mit dem französischen naiven Maler André Beauchamps und mit
Dirk Oudes, der durch Bowiens Ermunterung zu einem der großen naiven
Maler des Landes werden sollte. Erwin Bowiens Charme war nie breit und
behäbig; feines Misstrauen schützten ihn, den leidenschaftlichen
Menschenfreund, vor der letzten Preisgabe. Nach dem deutschen Überfall
auf Holland musste er zurück nach Deutschland. Seine Pfiffigkeit
ermöglichte ihm die letzten Kriegsjahre trotz zunehmender Illegalität
als einer der wenigen mit voller Integrität zu überleben. Einer
Anzeige entging er knapp mit dem Leben und tauchte unter. Die beschlagnahmten
Bilder verbrannten in den Bombennächten. Bowien erlebte das Kriegsende
im Allgäu. Mit dem ersten Zug kehrte er nach Solingen zurück,
um fortan sein Leben zwischen dieser Stadt bei Familie Heinen und Weil
am Rhein bei der alten Mutter aufzuteilen.
Die Nachkriegsjahre wurden durch
ein Thema beherrscht, welches sinnbildgebend für den aus europäischem
Geist wirkenden Künstler ist: Die Darstellung des Rheins von seinen
Quellen bis zur Mündung. Es entstanden die wichtigsten Darstellungen
rheinischer Dome: des Kölner Doms, der Münster von Breisach
und Freiburg, der Domkirchen zu Worms und Speyer, der Münster von
Straßburg und Thann. Die Leidenschaft zur Mitteilung von Landschaft,
die aus ihren Himmeln lebt und sich auch im fertigen Bild noch fortwährend
zu wandeln scheint, verdrängte das Pastell zugunsten einer mitunter
an die Grenze zum Wütenden vorangetriebenen Öltechnik. Der Farbauftrag
wird pastuos. Dennoch bleibt es nicht beim schnellen Pinselhieb. Alles
vibriert; die Konturen dampfen. Die Auswahl seiner Motive scheint manchmal
tollkühn. Man spürt Überzeitlichkeit, die aus Handschrift,
Empfindung, Traditionsbewusstsein und persönlicher Kultur erwachsen
ist. Es ist seine Erwiderung auf das Abstrakte, das mit arroganter Totalität
Raum ergriffen hatte und über Jahre hinweg eine Kunst der Naturnähe
nicht mehr dulden will. Der Widerstand aber trug Erwin Bowien schließlich
in Paris den höchsten äußeren Triumph seines Lebens ein:
Ein Kritiker wertete die Pariser Ausstellung als Ereignis, stellte das
ihm hier begegnete Werk in die erste Reihe moderner Kunst. Diese Anerkennung
erfuhr er leider nur selten in Deutschland. Erschütternd ist das
öde Unverständnis, welches er in seiner Heimat durch die Kunstkritik
erfuhr! Selbst die gute Meinung war oft nur oberflächlich. Dies stellte
harte Anforderungen an den gleichwohl nie an sich zweifelnden Künstler.
Er sah sich bestärkt im Fortschreiten seiner Schülerin Bettina.
Er erkannte, wie sich in ihr sein Werk und sein Ideal vom Künstlertum
verlängerten. Am 25. Juli 1970 heiratete Erwin Bowien Frau Inken
Maria Strohmeyer geb. Vogt. Sie war Innenarchitektin und wirkte in Weil
als Kunsterzieherin. Er begab sich mit ihr auf seine letzten großen
Reisen. Das ließ sein Werk in der Schönheit ausklingen, die
den jungen Bowien am Bodensee erfüllt hatte.
Hans-Karl Pesch
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| Informationen
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Bettina Heinen-Ayech
ist die wichtigste Schülerin von Erwin Bowien. Mit diesem Link
gelangen Sie zu ihrer Homepage.
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Amud Uwe Millies
ist ein weiterer Schüler von Erwin Bowien. Mit diesem Link gelangen
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Der Freundeskreis
pflegt den künstlerischen Nachlass des Malers. weiter...
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